Matera: Italiens berühmte Höhlenstadt und ihre außergewöhnlichen Felsenwohnungen

Matera: Italiens berühmte Höhlenstadt und ihre außergewöhnlichen Felsenwohnungen

Matera in der süditalienischen Region Basilikata gilt als eine der ältesten dauerhaft besiedelten Städte der Welt: Seit mindestens 9.000 Jahren leben Menschen in den sogenannten Sassi, den in den Kalkfelsen gehauenen Wohnhöhlen. Seit 1993 gehört das gesamte Altstadtgebiet zum UNESCO-Weltkulturerbe, und 2019 war Matera Europäische Kulturhauptstadt.

📋 Kurz zusammengefasst

Matera besitzt rund 3.000 Höhlenwohnungen (Sassi), die über zwei historische Viertel verteilt sind: Sasso Caveoso und Sasso Barisano. Bis 1952 lebten etwa 15.000 Menschen unter teils katastrophalen Bedingungen darin, ehe der Staat sie zwangsumsiedelte. Heute sind viele Höhlen zu Hotels, Restaurants und Museen umgebaut worden und machen Matera zu einem der faszinierendsten Reiseziele Europas.

Was genau sind die Sassi von Matera?

Der Begriff Sassi (Singular: Sasso, ital. für „Stein“ oder „Fels“) beschreibt ein einzigartiges Siedlungssystem, das sich über die steilen Hänge einer tiefen Schlucht, der Gravina di Matera, erstreckt. Die beiden Hauptviertel Sasso Barisano (nördlich, eher wohlhabend) und Sasso Caveoso (südlich, einfacher) zählen zusammen etwa 3.000 einzelne Höhlenräume, ergänzt durch Fassadenbauten, die direkt aus dem Kalkstein herausgemeißelt wurden.

Besonders bemerkenswert ist das hydraulische System der Stadt: Bereits in der Antike schufen die Bewohner ein ausgeklügeltes Netz aus Zisternen, Kanälen und Wasserkammern, das Regenwasser sammelte und speicherte. Archäologen haben mehr als 130 solcher unterirdischen Zisternen nachgewiesen. Diese ingenieurtechnische Leistung ermöglichte es der Bevölkerung, Jahrtausende lang in einem ansonsten trockenen Karstgebiet zu überleben.

Die Geschichte: Vom Schandfleck zur Kulturhauptstadt

Lange galt Matera als Symbol für Armut und Rückständigkeit Süditaliens. Carlo Levis autobiografischer Roman Christus kam nur bis Eboli (1945) machte die Lebensbedingungen in den Höhlen weltweit bekannt: Familien teilten sich einen einzigen Raum mit ihren Nutztieren, Tuberkulose und Malaria grassierten. Der damalige Premierminister Alcide De Gasperi bezeichnete Matera öffentlich als „Schande Italiens“.

1952 verabschiedete der italienische Staat ein Sondergesetz und siedelte rund 15.000 Bewohner zwangsweise in neu errichtete Satellitenstädte um. Die Höhlen standen jahrzehntelang leer. Erst die UNESCO-Anerkennung 1993 leitete den Wandel ein: Investoren, Architekten und Kulturschaffende entdeckten die Sassi neu. Heute sind über 1.000 Höhlen wieder bewohnt oder touristisch genutzt, und Matera empfängt jährlich mehr als 700.000 Besucher.

💡 Expert Insight

Wer die Sassi wirklich versteht, sollte vor dem Bummel durch die Gassen das Casa Noha besuchen, ein interaktives Museum in einer ehemaligen Adelsresidenz direkt im Sasso Caveoso. Der 40-minütige Dokumentarfilm (auch auf Deutsch verfügbar) zeigt in bewegenden Zeitzeugenberichten, wie das Leben in den Höhlen vor der Umsiedlung tatsächlich aussah. Dieser Kontext verändert den Blick auf jedes einzelne Gebäude entscheidend.

Die 4-Stufen-Matera-Entdeckungs-Methode: So erlebt man die Stadt richtig

Um Matera jenseits der überfüllten Hauptgassen zu erleben, hat sich folgendes Besuchsprogramm bewährt:

Stufe 1 – Orientierung von oben: Beginne am Belvedere di Matera (Piazza Giovanni Pascoli), dem klassischen Aussichtspunkt mit Panoramablick über beide Sassi-Viertel. Besonders eindrucksvoll bei Sonnenaufgang gegen 6:00 Uhr, wenn kaum Touristen vor Ort sind.

Stufe 2 – Historisches Fundament: Besuche das Musma (Museum für zeitgenössische Skulptur in der Höhle Palazzo Pomarici) und Casa Noha, um historischen und künstlerischen Kontext zu gewinnen.

Stufe 3 – Felskirchen erkunden: Matera besitzt über 150 in den Fels gemeißelte Kirchen. Die wichtigsten sind Santa Maria de Idris, die Madonna delle Virtù und Santa Lucia alle Malve mit byzantinischen Fresken aus dem 11. Jahrhundert.

Stufe 4 – Gegenüberseite der Schlucht: Überquere die Gravina auf dem Wanderweg zum Murgia-Nationalpark. Von der anderen Seite der Schlucht aus bietet sich der vollständigste Blick auf die gesamte Höhlenstadt, und man versteht erstmals ihre vertikale Struktur.

Übernachten in einer Höhle: Die Sassi-Hotels im Vergleich

Seit den 1990er Jahren wurden viele Höhlen zu außergewöhnlichen Boutique-Hotels umgebaut. Das Schlafen im Fels ist ein besonderes Erlebnis: Die natürliche Isolierung hält die Temperatur ganzjährig konstant bei rund 15 Grad Celsius, was im Sommer angenehm kühl und im Winter behaglich wirkt.

Hotel Kategorie Besonderheit Preisniveau (Nacht)
Sextantio Le Grotte della Civita Luxus Minimalistischer Originalerhalt, Blick in die Schlucht ab 350 Euro
Palazzo Gattini Luxus Teilweise Höhlenräume, historischer Palazzo ab 280 Euro
L’hotel in Pietra Mittelklasse Ehemaliges Benediktinerkloster, zentrale Lage ab 150 Euro
Il Vicinato Budget Authentische kleine Höhle, familiengeführt ab 75 Euro

Praktische Reisetipps: Wann, wie und mit welchem Budget?

Die beste Reisezeit für Matera liegt zwischen April und Juni sowie im September und Oktober. Im Juli und August steigen die Temperaturen in der Schlucht auf über 38 Grad Celsius, und die Touristenmassen machen das Erkunden der engen Gassen anstrengend. Im Winter zeigt sich Matera dagegen verblüffend leer und besonders fotogen, wenn gelegentlich Nebel durch die Schlucht zieht.

Matera liegt in der Region Basilikata und ist mit dem eigenen Fahrzeug am bequemsten zu erreichen. Von Neapel dauert die Fahrt rund 3 Stunden, von Bari etwa 1,5 Stunden. Der nächste größere Bahnhof liegt in Ferrandina-Matera (20 Kilometer entfernt), von dort fahren Busse in die Stadt. Alternativ verbindet die Privatbahn FAL Matera mit Bari (Linie Bari-Matera, ca. 1,5 Stunden).

Ein Tagesticket für die wichtigsten Höhlenkirchen und Museen kostet aktuell rund 15 Euro pro Person. Wer alle staatlichen Sehenswürdigkeiten inklusive Musma und Casa Noha besuchen möchte, plant ein Kombibudget von 30 bis 40 Euro ein.

⚠️ Wichtiger Hinweis

Die Wege durch die Sassi sind steil, uneben und in vielen Abschnitten ohne Geländer. Festes Schuhwerk mit gutem Grip ist unverzichtbar. Wer eingeschränkte Mobilität hat, sollte vorab prüfen, welche Bereiche barrierefrei zugänglich sind, da ein Großteil der historischen Gassen nicht rollstuhlgerecht ist.

Matera als Filmkulisse: Hollywood in der Höhlenstadt

Die archaische Optik der Sassi hat Regisseure aus aller Welt angezogen. Pier Paolo Pasolini drehte hier 1964 sein Evangelium nach Matthäus. Mel Gibson wählte Matera 2004 für Die Passion Christi als Kulisse für Jerusalem. Im Jahr 2021 waren die Felsen der Gravina Drehort für den James-Bond-Film Keine Zeit zu sterben, in dem die spektakuläre Verfolgungsjagd durch die Altstadt zu sehen ist. Diese Drehorte lassen sich heute auf speziellen Film-Touren erkunden, die lokale Guides anbieten.

💬 Meine Einschaetzung

Matera wird oft als romantisches Ausnahme-Reiseziel vermarktet, und das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Was viele Reiseberichte aber unterschlagen: Die Geschichte der Sassi ist keine Geschichte pittoresker Ursprünglichkeit, sondern eine Geschichte brutaler Armut und staatlichen Versagens. Genau das macht den Ort so wichtig. Wer die Höhlenwohnungen nur als coolen Instagram-Hintergrund nutzt, ohne den historischen Kontext zu verstehen, verpasst das Wesentliche. Mein Rat: Zuerst Carlo Levis Buch lesen oder zumindest das Casa-Noha-Museum besuchen, dann durch die Gassen laufen. Der Blick auf die gleichen Steine verändert sich dann grundlegend und das Erlebnis wird deutlich tiefer. Matera ist kein Freizeitpark der Geschichte, sondern ein Mahnmal und gleichzeitig ein Beweis dafür, was Menschen aus Extremsituationen heraus aufzubauen imstande sind.

✓ Das Wichtigste in Kuerze

  • Matera ist seit mindestens 9.000 Jahren besiedelt und gehört seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
  • Die Sassi umfassen rund 3.000 Höhlenräume in zwei Vierteln: Sasso Barisano und Sasso Caveoso.
  • Bis 1952 lebten 15.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen in den Höhlen; heute sind viele zu Hotels und Museen umgebaut.
  • Beste Reisezeit: April bis Juni und September/Oktober; im Sommer bis 38 Grad Celsius Hitze.
  • Eintritt für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten: ca. 30 bis 40 Euro pro Person für ein Kombiticket.
  • Anreise am bequemsten per Auto von Bari (1,5 Stunden) oder per Bahn mit der FAL-Linie.

Quellen und weiterführende Literatur

UNESCO World Heritage Centre: Eintrag „I Sassi di Matera und die Felskirchen der Murgia Materana“ (Welterbeliste 1993, Kriterien iii, iv, v)

Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli (Cristo si è fermato a Eboli), Einaudi Verlag, Turin, 1945

Istituto Nazionale di Statistica (ISTAT): Bevölkerungs- und Tourismusstatistik Basilikata, aktuelle Jahresberichte

Fondazione Zétema / Matera-Basilicata 2019: Dokumentation zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019, Abschlussbericht

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